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Architekten, schaut auf diese Stadt

2009.09.23

1963 wurde Skopje von einem Erdbeben zerstört. Ein internationaler Wettbewerb und von der Unesco geleitete Wiederaufbauplanungen sorgten dafür, dass Architekten und Planer aus aller Welt nach Skopje schauten. Heute kennt kaum noch einer Kenzo Tanges siegreichen Wettbewerbsbeitrag oder erinnert sich an das sozialutopische Stadtmodell, das man verwirklichen zu können hoffte, geschweige denn, dass jemand die eigenartige Spielart moderner Architektur zur Kenntnis nähme, die sich in einer Mischung aus Internationalismus und regionaler Prägung entwickelt hat. Das einzigartige Zeugnis einer Epoche aber ist bedroht, wenn sein Wert nicht erkannt wird.

Skopje hat, wie viele Städte auf dem Balkan, eine bewegte Geschichte hinter sich. Die heutige Hauptstadt von Mazedonien gehörte zuletzt zu Jugoslawien, davor zu Rom, Byzanz, Bulgarien, dem osmanischen Reich, dem Königreich Serbien und anderen mehr oder weniger stabilen Staatsgebilden. Nicht nur brachte es die wechselvolle Geschichte mit sich, dass Skopje immer wieder durch Kriege in Mitleidenschaft gezogen wurde, auch Erdbeben hatten die Stadt im sechsten und sechzehnten Jahrhundert schwer geschädigt. Das letzte große Erdbeben ereignete sich am 23. Juli 1963 – fast die gesamte Stadt wurde zerstört, über 1000 Menschen fanden den Tod. Angesichts der enormen Schäden, die das Erdbeben anrichtete, ist es erstaunlich, dass es nicht mehr Opfer gab.

Internationale Aufmerksamkeit für den Wiederaufbau
Da Jugoslawien zu dieser Zeit blockfrei war, überboten sich die westlichen Staaten und die des Warschauer Paktes gegenseitig mit Hilfsangeboten. Innerhalb kürzester Zeit wurden große Mengen provisorischer Häuser zur Verfügung gestellt, unter anderem aus Italien und aus Schweden. Die Unesco übernahm die Wiederaufbauplanungen und schrieb für das Stadtzentrum einen internationalen Wettbewerb aus, zu dem sechs Büros eingeladen wurden, darunter der Italiener Luigi Piccinato und der Niederländer Jacob Bakema.
Die Ergebnisse zeigen, dass alle Beteiligten den Prinzipien der Moderne verpflichtet waren. Sie schlugen mal mehr, mal weniger an den lokalen Gegebenheiten orientierte Großstrukturen und enorme Verkehrsanlagen vor – über letztere war allerdings zum großen Teil schon vor der Wettbewerbsausschreibung entschieden worden. Der japanische Architekt Kenzo Tange setzte sich schließlich mit seinem Entwurf durch, der den Wiederaufbauplanungen zugrunde gelegt wurde. Letztlich planten japanische, mazedonische, kroatische, griechische und polnische Architekten das neue Skopje.
Tanges siegreicher Entwurf für das neue Zentrum von Skopje hat zeittypische Schwächen: Er zeigt Großstrukturen, macht aber über deren Zwischenräume so gut wie keine Aussagen. Zu den Stärken des Entwurfs gehört, dass er viele historische Elemente aufnimmt: Südlich des Plostad, des Hauptplatzes der Stadt, waren Teile des Straßenrasters aus dem 19. Jahrhundert erhalten. Entsprechend Tanges Plan wurden diese wieder ergänzt, auf der Nordseite des Flusses wurde das ebenfalls nur teilweise zerstörte Basarviertel mit den wichtigsten Monumenten der osmanischen Zeit erhalten und saniert. Um die neuere Innenstadt herum plante Tange eine neue “Stadtmauer” aus großen Wohnungsbauten, die die Orientierung in der wiederaufgebauten Stadt erleichtern sollte.

Barocker Brutalismus
Neben der mit großem Aufwand betriebenen städtebaulichen Neuplanung wurden viele ambitionierte Bauwerke realisiert, die meisten durch die öffentliche Hand; andere wurden der Stadt zum Geschenk gemacht. Die Neubauten wurden zum Teil von Architekten errichtet, die aus Mazedonien stammten, in namhaften Büros im Ausland gearbeitet hatten und in ihre Heimat zurückkehrten, um beim Wiederaufbau zu helfen. Die Mischung von sozialistischem Planungsverständnis und international orientierter Architekturauffassung ließ in Skopje eine ganz eigene Art von barockem Brutalismus entstehen, wie sie etwa bei der Hauptpost zu sehen ist, die nicht nur wegen ihrer prominenten Lage direkt am Fluss und gegenüber der historischen Festung das auffälligste der neuen Gebäude ist.
Die Schalterhalle wirkt wie ein soeben gelandetes Ufo oder wie eine gestrandete Tiefseekreatur mit Tentakeln und großen Bullaugen und wäre in einer Stadt wie London wohl schon längst zu einer Pop-Ikone geworden, die auf T-Shirts, Taschen, Postkarten und CD-Covers anzutreffen wäre. Ihr Architekt, Janko Konstantinovski, hat vor seiner Rückkehr bei Alvar Aalto gearbeitet und außerdem die Medizinische Fakultät und eine sehr schöne Sekundarschule gebaut. Sein Namensvetter Georgi Konstantinovski ist vor allem durch das Studentenwohnheim Goce Delcev und den Bau des Staatsarchivs bekannt geworden, ebenfalls zwei ambitionierte Bauten des Wiederaufbaus.

Auch andere Architekten, die in Skopje nach dem Erdbeben eine sehr eigene Architektursprache entwickeln konnten, sind zumindest außerhalb des ehemaligen Jugoslawien kaum bekannt. Das internationale Interesse hatte nach 1963 schnell nachgelassen, erschwerend kommt hinzu, dass Mazedonien noch nie eine touristisch besonders interessante Region gewesen ist. Anders als in Slowenien und Kroatien hat sich in Mazedonien seit der Unabhängigkeit (1991) keine eigenständige, international orientierte Architekturszene entwickelt. Im Gegenteil, die Planungen rund um den Plostad zeugen von einer erschreckenden Provinzialität und sehen neben dem Wiederaufbau einer zerstörten Kirche (über den im eMagazin an anderer Stelle berichtet wurde) unter anderem vor, die Flussufer viel zu dicht zu bebauen und vor der Mazedonischen Staatsoper ein neobarockes Monstrum zu errichten, so dass man von ihr nichts mehr sieht – dabei ist sie eines der bemerkenswertesten Gebäude der Stadt.

Bei der Oper wurde die von den Architekten mittlerweile zu Tode gerittene Analogie von sich auftürmenden Eisschollen ausnahmsweise einmal konsequent und plausibel umgesetzt: Schon der Platz, der sich zum Fluss hin öffnet und an dem ursprünglich noch weitere Bauten in ähnlichem Stil entstehen sollten, ist eine Komposition aus aufeinandergestapelten, spitz zulaufenden Betonplatten, die scheinbar beiläufig Sitzgelegenheiten, Treppenabgänge und Pflanzbeete entstehen lassen – leider sind diese Anlagen in einem erbärmlichen Zustand. Das Gebäude der Oper nimmt dieses Thema auf und arbeitet mit schiefen, scharfkantigen Körpern, deren Dach- und Wandflächen ganz mit weißem Stein bekleidet sind.

Während Ljubljana mit dem Oeuvre Joseph Plečzniks schon lange seinen Platz auf der Landkarte der Architekten hat, während etwa die Architektur von Bogdan Bogdanovic gerade wieder entdeckt worden ist, während die internationalen Wettbewerbe, die in Belgrad, Sofia und Tirana entschieden werden, Aufmerksamkeit auf sich ziehen, scheint völlig in Vergessenheit geraten zu sein, dass Skopje ein außergewöhnliches Zeugnis, ja geradezu ein Architektur- und Städtebaumuseum der 1960er und 1970er Jahre ist, und ein sehr sehenswertes dazu. Es bleibt zu hoffen, dass seine Qualitäten wiederentdeckt werden, bevor es unter einer Kruste historisierenden Kitsches verschwunden ist. Maren Harnack

Maren Harnack ist Architektin, Stadtplanerin und wissenschaftliche Assistentin an der HCU in Hamburg. 2008 leitete sie mit Biljana Stefanovska den Workshop “Remapping Skopje” in Skopje, 2009 war sie Gast auf dem “Forum Skopje”.